Nichtwissen: Mit offenen Fragen leben

Check-In

Heute Mittag ist der erste Boxenstopp im Projekt #MeinZiel22 der Corporate Learning Community. Aus diesem Anlass habe ich mir Zeit genommen, über meine Erfahrungen und meinen Lernprozess im Umgang mit Nichtwissen zu reflektieren.

Vorneweg sei gesagt, dass ich in den letzten Wochen (oder Monaten?) kaum dazu gekommen bin, mich eingehender mit Theorien des Nichtwissens zu beschäftigen. Aber ich praktiziere sehr intensiv Learning by Doing, da ich zur Zeit mit einigen mehr oder weniger komplexen Fragestellungen konfrontiert bin, zu denen ich Antworten suche.

Sharing

Im praktischen Umgang mit meinem Nichtwissen lasse ich mich vor allem von diesem Gedanken leiten:

„Intelligenz ist die Fähigkeit, den Raum des Nichtwissens nicht mit Vorurteilen zu füllen, sondern mit Neugier.“

Verfasser unbekannt

Die Fragen lieben und leben

Die grundlegende Methode der Neugier ist es, Fragen zu stellen. und damit bin ich dann rasch bei Rilke, der dazu rät, die offenen Fragen zu lieben und sie zu leben. „Vielleicht leben Sie dann allmählich … in die Antwort hinein.“

Und das genau ist meine Hauptarbeit im Umgang mit Nichtwissen:

  • Ich formuliere eine Leitfrage zu einer (komplexen) Herausforderung, für die ich Antworten suche.
  • Diese Frage halte ich aktiv in meinem Bewusstsein. Das heißt, ich erinnere mich immer wieder daran, dass ich die Frage habe, und lasse sie da sein.
    Dabei zeigt sich oft ein innerer Druck, auf Biegen und Brechen eine Antwort finden zu wollen. Die Schwierigkeit ist dann, diesen Druck auszuhalten und ihm nicht nachzugeben. Also den Raum des Nichtwissens nicht mit Vorurteilen füllen zu wollen, denn dies würde ja eine intelligente Lösung verhindern.
    Ich rutsche öfter, als mir lieb ist, trotzdem in die Haltung eine Antwort erzwingen zu wollen. Sobald ich das bemerke, lasse ich so gut es geht wieder los.
  • Durch das Wachhalten der Frage stellen sich allmählich Impulse zur Problemlösung ein, die den Entwicklungsprozess Schritt für Schritt voranbringen. Die Frage wirkt wie ein Rezeptor, an den Impulse andocken können, und so entstehen allmählich Antworten.

Der Prozess lässt sich nach meiner Erfahrung nicht steuern sondern nur mitgehen. Die Impulse sind überraschende Geschenke. Sie können vielfältiger Natur sein: ein Geistesblitz, ein Tweet mit einem Hinweis, dem ich nachgehe, ein Gedanke der in einem Gespräch entsteht, ein Gedanke der in der Stille oder beim Spaziergang auftaucht, manchmal auch eine Idee die beim Schreiben, bei der Beschäftigung mit einem „eigentlich“ ganz anderen Thema entsteht, eine Modifikation der Ausgangsfrage, eine Frage zu einem Teilaspekt …
Serendipity.

Die Fragen, mit denen ich momentan arbeite, sind sehr persönlich. Daher veröffentliche ich die Ergebnisse zum jetzigen Zeitpunkt nur in Auszügen. Die folgende Mindmap zu einer meiner Fragen gibt vielleicht trotzdem einen gewissen Einblick in die Art und Vielfalt der Impulse, auch wenn ich verschiedene Details ausgeblendet habe:

(Überall dort, wo ein X angezeigt wird, habe ich Details ausgeblendet.)

Von der Ausgangsfrage ausgehend „wachsen“ mir Impulse zu – Begriffe, Gedanken, Fragen, Handlungsideen … So entsteht nach und nach ein größeres Netz von lösungsbezogenen Elementen.

Loslassen, Halten, Kommenlassen

Loslassen, Halten und Kommenlassen sind wichtige Aspekte beim Leben mit dem Nichtwissen. Diese drei Schritte sind auch wichtige Prozesselemente im unteren Teil des U-Prozesses nach Otto Scharmer.

Ich gehe so damit um:

Beim Loslassen kommt es darauf an, inneren Druck wahrzunehmen, eine Antwort haben zu wollen, und so gut es geht loszulassen, sowie Ängste in Bezug auf die (noch) ungewisse Situation anzuerkennen und ebenfalls so gut es geht loszulassen.

Häufig geht es im Zusammenhang mit einer neuen Herausforderung auch darum, Überlebtes loszulassen, das einer Lösung im Weg steht (Strategien, Haltungen, Überzeugungen, Beziehungen …).

Beim Halten geht es darum, anwesend zu sein bzw. zu werden und die Frage und das Nichtwissen zu halten und auszuhalten.

Beim Kommenlassen bzw. Zulassen ist Offenheit für Überraschungen entscheidend – auch und gerade für Impulse, die zunächst abwegig oder unbrauchbar erscheinen. Vielleicht erscheinen sie später in einem anderen Licht oder vernetzen sich mit weiteren Impulsen so, dass sie zusammen Sinn ergeben.

Check-Out

Soweit der heutige Einblick in mein Labor des Nichtwissens.

Ich werde weiterhin intensiv die Haltung des Nichtwissens kultivieren, weil ich die Erfahrung mache, dass sie meine kreativen und evolutionären Prozesse fördert und beschleunigt.

Ich würde mich gerne mehr mit den theoretischen Grundlagen von Nichtwissen beschäftigen, kann aber nicht absehen, inwieweit ich dazu in nächster Zeit kommen werde.

Vorrangig möchte ich diese Aspekte gerne tiefer durchdringen:

  • Nichtwissen und der U-Prozess nach Otto Scharmer
  • Methoden des Nichtwissens und Spiral Dynamics
  • Nichtwissen und Komplexität
  • Nichtwissen und agile Methoden