Lernraum Schule – quo vadis?

Am 16. März 2020, am ersten Tag der Schulschließungen, habe ich dem Klassenlehrer meiner 14-jährigen Tochter eine Mail geschrieben und ihn bzw. interessierte Kolleg*innen von ihm eingeladen zu einem Austausch über digitalen Unterricht. Ich arbeite seit Jahren teilweise remote und denke, dass ich mich inzwischen damit ziemlich gut auskenne. Daher wollte ich der Schule meiner Tochter meine Expertise anbieten.

Knapp zwei Wochen später, am 29. März kam eine Antwort: Er habe meine Mail an die Ansprechpartner an der Schule weitergeleitet.

Mich schmerzte diese lange Funkstille.

Ich wollte wirklich gerne helfen, und ich sprach mehrmals mit meiner Tochter darüber. Sie überzeugte mich nach und nach davon, nicht weiter nachzuhaken. Sie hielt mein Vorhaben schlicht für nicht erfolgversprechend. Vermutlich kennt sie ihre Schule besser als ich.

So markierte die Mail vom 29. März das Ende meiner Kommunikation mit der Schule über Möglichkeiten digitalen Unterrichts.

Meine Tochter bekam in den vier Wochen vor den Osterferien in fast allen Fächern Arbeitsbögen per Mail, die jeweils bis zu einem bestimmten Stichtag bearbeitet zurückgesendet werden mussten. In einem oder in zwei Fächern arbeiteten die Lehrkräfte mit Moodle.

Die Kinder und Jugendlichen haben ja aber bisher gar nicht gelernt, wie sie sich Inhalte selbst erarbeiten können. – Sie lernen jetzt im besten Fall schwimmen, weil sie ins Wasser geworfen wurden.

Mir blutete und blutet das Herz angesichts solcher didaktischer Schlichtheit, wenngleich ich durchaus verstehen kann, dass die meisten Lehrkräfte damit ihre gegenwärtigen Möglichkeiten ausschöpfen. Was mich am meisten schmerzt ist, dass es kaum Kontakt und Austausch zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen gibt. Fast keine Beziehung. Arbeitsauftrag hin und zurück scheint die Standardkommunikation zu sein. Meine Tochter hat in vier Wochen vielleicht zweimal per Mail Fragen an Lehrkräfte gerichtet. Ansonsten bespricht sie sich gelegentlich mit Mitschülerinnen. (Sie ist zum Glück in der Lage, vergleichsweise selbstständig zu arbeiten.)

Kommentare von Eltern auf Twitter legen die Vermutung nahe, dass es an vielen Schulen ähnlich läuft. An dieser Stelle nur ein Beispiel dafür:

Nach den Osterferien haben wohl mehr Lehrkräfte auf den Einsatz von Moodle umgestellt. Ansonsten hat sich nichts geändert.

Ich frage mich:

  • Inwieweit begreifen sich Lehrerinnen und Lehrer im Rahmen ihrer Rolle selbst als Lernende?
  • Inwieweit können sie das System Schule als Lernraum für sich verstehen und nutzen?
  • Inwieweit sind sie bereit, ihre Komfortzone zu verlassen und sich zu fragen, was die gegenwärtige Situation wirklich von ihnen braucht?

Themenwechsel

Beim Essen ergibt sich ein Gespräch zwischen meiner Tochter und mir über Sinn und Notwendigkeit bzw. Nutzen des Abiturs. Darüber haben wir noch nie gesprochen. Sie hat das Thema indirekt aufgeworfen.

Wir kommen dann auch darauf, dass sie den „Coronaunterricht“ für sich als Ausstieg aus dem gewohnten Hamsterrad der Schule erlebt. Deutlich weniger Druck. Sie beschäftigt sich in viel größerem Umfang eigeninitiativ mit Themen, die sie interessieren. Sie will versuchen, das zumindest teilweise aufrecht zu erhalten, sobald wieder Präsenzunterricht stattfindet.

Meine Tochter kann die Anforderungen des Schulsystems ziemlich gut erfüllen. Das stellt kein Problem dar. Aber sie fragt sich, ob sie im gegenwärtigen Schulsystem genug für ihr Leben lernen kann, um dort das Abitur zu machen. Die Frage ist momentan (noch) nicht brennend und nicht dringend, aber sie ist da. Und in direktem Zusammenhang damit auch diese Frage: Welche Alternativen gibt es, die ihr gleichwertige oder bessere Bildungsmöglichkeiten bieten könnten?
Vermutlich wird uns das Thema längerfristig begleiten.

Ich stelle mir in diesem Zusammenhang gerade folgende Fragen:

  • Inwieweit ist der real existierende Lernraum Schule ein geeigneter Lernraum, um junge Menschen auf ihr Leben in einer VUCA-Welt vorzubereiten?
  • Inwieweit kann ich auf die Veränderungsfähigkeit und Veränderungswilligkeit des Schulsystems vertrauen? (Spoiler: wohl besser nicht)
  • Welche alternativen Lernräume und Lernwege gibt es bzw. könnte es geben – entweder als sinnvolle Alternative zum Abitur oder als Vorbereitung darauf?
  • Wäre Freilernen eine Möglichkeit für die Oberstufe?(In Rheinland-Pfalz endet die Schulpflicht, wenn die 10. Klasse des Gymnasiums erfolgreich abgeschlossen wurde und keine Berufsausbildung begonnen wird. – Vgl. hierzu §60 (2) Nr. 3 Schulgesetz RPL.)
  • Welche Voraussetzungen müssten für erfolgreiches Freilernen erfüllt sein?
  • Wie ließe sich Freilernen sinnvoll gestalten?

Ich bin gespannt, zu welchen Antworten diese und weitere Fragen in den nächsten ein, zwei Jahren führen werden.

Meine Tochter und ich haben uns übrigens gestern Abend zusammen den Film Alphabet angesehen, den wir beide bisher nicht kannten.

Außerdem habe ich auf Refind eine Sammlung zum Stichwort Freilernen angelegt und folge dem Begriff Freilernen bei Twitter.

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(Da ich mich in diesem Text mit dem Lernraum Schule auseinandersetze, verstehe ich ihn auch als Beitrag zum laufenden MOOCamp „Lernräume gestalten“ der Corporate Learning Community.)